Ute Langenkamp

(Von Frank Buchmeier)

Was bringt einen Menschen dazu, sich für etwas aufzuopfern? Ute Langenkamp kämpfte für rumänische Straßenhunde – bis zum Umfallen. Ein Nachruf.

Dettenhausen – Wieder einmal ist sie hart am Limit unterwegs. Eine 30-stündige Autofahrt von Pitesti nach Dettenhausen liegt hinter Ute Langenkamp, 50 Straßenhunde hat sie aus der Walachei mitgebracht. Nun muss sie weiter nach Herrenberg, wo ihr Enkel seinen 16. Geburtstag feiert. Sie schafft es bis zur Tür, dann bricht sie zusammen. Ihr Herz schlägt nicht mehr.

Ute Langenkamp wird am 21. August 1940 im steirischen Sankt Lambrecht geboren. Mit Anfang 20, sie hat gerade ihre Prüfung zur Fremdsprachenkorrespondentin bestanden, zieht sie die Liebe zu einem Diplom-Ingenieur ins Schwabenland. Die Reingeschmeckte fällt im beschaulichen Dettenhausen auf: Ute Langenkamp trägt bunte Gewänder und auffällige Silberreifen, bringt drei Kinder zur Welt, adoptiert ein koreanisches Mädchen, nimmt zeitweise noch einen Pflegesohn auf, spielt als erste Frau im evangelischen Posaunenchor, engagiert sich für Asylbewerber, protestiert gegen Aufrüstung, schickt Pakete an Bedürftige im Osten und ernährt sich fleischlos. In ihrer österreichischen Heimat gibt es für Leute wie sie, die überall mitmischen und sich gerne politisch einmischen, ein schönes Wort: Wunderwuzzi.

In der Herrenberger Praxis von Dr. med. Jörg Langenkamp hängen Aquarelle, die seine Mutter Ute einst gemalt hat. Auf den Bildern sind schwäbische Dorfidyllen und toskanische Landschaften zu sehen. Der Sohn, 50 Jahre alt, erinnert sich gerne an die Weihnachtszeiten seiner Jugend. Im Dettenhauser Bürgerhaus stellte Ute Lan¬genkamp ihre Werke aus, mit ihren Kindern flötete sie in den Wohnzimmern der Nachbarn, und in Tübinger Kliniken tröstete sie die Kranken mit ihrem Posaunenchor: „Großer Gott, wir loben dich“.

Erweckungserlebnis auf dem Kirchentag

Das alles und noch viel mehr tat Ute Langenkamp – bis sie eines Tages den Tierschutz für sich entdeckte und sich fortan ganz und gar dieser Mission widmete. „Nur eine religiöse Dimension macht ein solches Verhalten erklärbar“, sagt ihr Sohn. „Die Fähigkeit, felsenfest an etwas zu glauben.“

Ute Langenkamp schilderte ihr Erweckungserlebnis so: Eines seligen Morgens im Juli 1985 sitzt sie beim Evangelischen Kirchentag in Düsseldorf allein im Schlafsaal. „Wenn es dich gibt, lieber Gott, dann sag mir, was ich machen kann mit meiner verbleibenden Zeit und meiner verbleibenden Kraft“, ruft sie in die Stille. „Ich will dein Werkzeug sein.“ Keine Antwort. Sie verlässt den Raum und kommt draußen an einem Informationsstand vorbei. Dort kauft sie ein Büchlein mit dem Titel „Die Gebete der Versuchsaffen“. Sie setzt sich hin und liest drei Stunden lang. Die Worte ergreifen sie. Sie weint. Nun weiß sie, was der Herrgott von ihr verlangt: Rette Tiere!

Zunächst kämpft Ute Langenkamp für die Affen, Katzen und Ratten, die in Tübinger Instituten dazu dienen, die Humanmedizin weiterzubringen. Auf Plakaten zeigt sie die gequälten Kreaturen, mit Flugblättern prangert sie die Wissenschaftler an, nennt sie „Bloody Monsters“.

Rudel im Reiheneckhaus

Ihre Karriere als Hunderetterin beginnt eher zufällig. Im Sommer 1996 reist Ute Langenkamp in die Toskana. Sie will sich an den Sehenswürdigkeiten erfreuen, doch nach wenigen Tagen hat sie keine Augen mehr für Funde aus der Etruskerzeit, Renaissance-Kirchen und Luca-Signorelli-Gemälde. In einem alten Schlachthof entdeckt sie ein Rudel herrenloser Hunde. Sie befreit die eingepferchten, halb verhungerten Tiere. Bald muss sie feststellen, dass es in Italien massenweise ungeliebte Straßenköter gibt. In den folgenden Jahren baut sie mit einer einheimischen Gleichgesinnten drei Tierheime auf.

Manche vermeintlich hoffnungslosen Fälle nimmt Ute Langenkamp nach Dettenhausen mit. Bald leben 16 Hunde mit ihr und ihrem Mann im Reiheneckhaus. Gassigehen funktioniert so: Das Rudel wird in einen roten Ford Transit geladen und an den Rand des Schönbuchs chauffiert. Neben einer Wiese öffnet Ute Langenkamp die Schiebetür und lässt die Horde springen. Stundenlang steht sie dort und erfreut sich an den herumtollenden Geschöpfen.

Um die Jahrtausendwende erfährt sie von einer Barbarei: In Rumänien werden massenhaft Straßenhunde eingefangen und abgeschlachtet. Ihr Beschützerinstinkt führt Ute Langenkamp nach Pitesti, im April 2000 kommt sie in der 200 000-Einwohner-Stadt an. Zu diesem Zeitpunkt sind auf dem Gelände der ehemaligen Fuchspelzfarm Smeura bereits 4000 Hunde erschlagen und begraben worden, weiteren 360 droht die Hinrichtung. Ute Lan¬genkamp handelt: Beim Bürgermeister erreicht sie, dass sie die Smeura pachten darf. Im Gegenzug verpflichtet sie sich, jeden Hund aufzunehmen. Innerhalb kürzester Zeit landen rund 3500 Streuner in der Smeura. Die Hausfrau aus Dettenhausen hat persönlich die Verantwortung für die Tiere übernommen.

Eine besondere Verantwortung

Matthias Schmidt war neun Jahre alt, als er bei seiner Nachbarin klingelte und fragte, ob er mal mit einem ihrer Hunde Gassi gehen dürfe. Mittlerweile ist er 34 und Vorsitzender der Tierhilfe Hoffnung, jenes Vereins, der von Ute Langenkamp 1998 gegründet wurde. In Pitesti war Matthias Schmidt vom ersten Tag an ihrer Seite, er erlebte chaotische Zustände. „Es fehlte an allem: Futter, Gehege, medizinische Versorgung“, erzählt er. Heute gibt es in der Smeura großzügige Boxen, viele Ausläufe sowie einen Operationssaal, in dem alle Neulinge kastriert werden. Etwa eine Million Euro verschlingt der laufende Betrieb pro Jahr, 85 Mitarbeiter kümmern sich um die Hunde, verteilen jährlich rund 850 Tonnen Futter. Ein straff organisiertes, durch Spenden finanziertes Unternehmen.

Als Ute Langenkamp die Smeura übernimmt, hat sie weder Geld noch einen Plan, aber den festen Glauben, dass ihr Gott beistehen werde. Mit dem Rundbrief „Das kleine Licht“ verschafft sie sich eine Stimme, die auf wundersame Weise bald von Zigtausenden gehört wird. „Menschliches Mitgefühl darf nicht vor dem Bruder Tier haltmachen“, schreibt sie. „Unsere besondere Stellung gibt uns eine besondere Verantwortung. Wir müssen dafür sorgen, dass kein Geschöpf unnötig leidet.“

Ute Langenkamp gibt ihr altes Leben auf. Sie zieht nach Rumänien, in ein nachkommunistisches Land, das Tieren keine Würde zugesteht. Sie arrangiert sich mit Behörden, die nicht bereit sind, eigene Kastrationsprogramme durchzuführen, sondern lieber Prämien für jeden gefangenen und getöteten Hund bezahlen. Sie verhandelt mit Menschen, die keine Empathie und keine Einsicht zeigen. Und als wären dies nicht genug Schwierigkeiten, muss sie sich 2003 auch noch gegen den Vorwurf wehren, sie habe Spenden veruntreut: In einem deutschen Boulevardmagazin wird „Ute L. aus D.“ mit einem schwarzen Balken über den Augen gezeigt, ihr Mann Dieter L., heißt es, fahre einen Jaguar auf Kosten des Tierschutzes. Mehrere Monate ermittelt die Staatsanwaltschaft, ehe klar ist, dass nichts von alledem stimmt.

Singende Hunde

Zwölf Jahre wohnt Ute Langenkamp in einem kleinen Haus am Rande der Smeura, umgeben von einem Stahlzaun. Eine Welt für sich, 120 Kilometer von der Hauptstadt Bukarest entfernt, mitten im Wald gelegen. Zigtausende Streuner kann sie vor den Tötungsstationen retten, aufpäppeln und in deutsche Familien vermitteln, wo sie liebevolle Hände, ein warmes Körbchen und ein gefüllter Fressnapf erwartet. Doch ihr eigentliches Ziel, dass die Hundepopulation in Rumänien durch flächendeckendes Kastrieren massiv schrumpft, verfehlt sie. An Silvester sind jedes Mal mehr Hunde in der Smeura als 365 Tage zuvor.

Einmal wird Ute Langenkamp nachts wach. Zu diesem Zeitpunkt ist sie der einzige Mensch in der Smeura. Nichts ist zu hören, kein Laut, kein Bellen. Ute Langenkamp erschrickt und denkt: „Jetzt haben sie meine Hunde ermordet.“ Sie eilt zum Fenster. Plötzlich setzt ein vielstimmiger Chor ein. Sie greift zum Telefonhörer und ruft eine Freundin an: „Hörst du, die Hunde singen für mich.“ Die Freundin antwortet „Du spinnst, Ute“ und legt auf.

Diese Geschichte, die Ute Langenkamp oft und gerne erzählte, verrät einiges über ihre Persönlichkeit: Sie nahm mit ihrer ganz eigenen Spiritualität wahr, was anderen verborgen blieb. Immer folgte sie ihren Gefühlen, egal, was ihre Mitmenschen davon hielten. Rund um die Uhr war sie für die Hunde da. „Die chronische Überlastung brachte sie um“, sagt Jörg Langenkamp. „Sie hat sich totgearbeitet.“

Oft versuchte er, der Sohn und Internist, sie, die Mutter und Tierschützerin, zu bremsen: „Du musst dich endlich schonen!“ Sie hörte nicht, machte unvermindert weiter – bis zum Umfallen.

Das Erbe einer außergewöhnlichen Frau

Nach dem Herzstillstand am 20. Dezember 2012 wird Ute Langenkamp reanimiert. Monate vergehen, ehe sie wieder auf die Beine kommt. Irgendwann sieht man sie sogar durch Dettenhausen spazieren, in Begleitung eines Hundes, der ihr wie ein Schatten folgt. Sie schaut bei Matthias Schmidt vorbei, fragt, ob es bei der Tierhilfe Hoffnung etwas gebe, das sie erledigen könne. Doch seit ihr Gehirn minutenlang nicht mit Sauerstoff versorgt worden ist, verschwimmt vieles. Kann jemand mit Gedächtnislücken für einen Verein arbeiten, von dem das Schicksal unzähliger Kreaturen abhängt? „Das geht leider nicht“, sagt ihr einstiger Tierschutz-Azubi Matthias.

Zum Glück hat sie noch Dieter, der sich in all den Jahren, als seine Frau in Rumänien war, um die eigenen Haustiere gekümmert hat. Im Februar 2014 stirbt der letzte Hund des einstmals stattlichen Langenkamp-Rudels. Da weiß das Ehepaar, dass die Zeit gekommen ist, das Reihenhaus zu verlassen und ins Altersheim zu ziehen. Er nimmt sich ein Zimmer im betreuten Wohnen, sie kommt auf die Pflegestation.

Die hellen Momente nutzt Ute Langenkamp, um sich mit den Menschen zu versöhnen, die sie mit ihrer kompromisslosen Art verstört hat. Zum Beispiel mit ihren beiden älteren Schwestern, die nie verstanden haben, wie einer Ehefrau, Mutter und Großmutter rumänische Straßenköter wichtiger sein können als die eigene Familie. Am 4. April 2016 stirbt sie. „Es fiel ihr leicht, das Leben loszulassen, weil es reich und intensiv war“, sagt ihr Sohn.

Ute Langenkamp hinterließ das laut dem Guinnessbuch der Rekorde größte Tierheim der Welt und 30 Rundbriefe, die sich um Hunde und christliche Moral drehen. Elf Jahre vor ihrem Tod schrieb sie: „Gott hat mich gebeten, den Tieren zu helfen. Er führte mich auf viele Wege, die oft beschwerlich waren. Ich glaube, dass er mich auf die Suche nach ihm geschickt hat. So will ich, liebe Freunde, alles, was kommen mag, getrost in seine Hände legen.“